Es gibt Sommertage, an denen man nach draußen geht und plötzlich überall geflügelte Ameisen sieht. An der Terrasse, auf dem Rasen, in der Luft. Wer das zum ersten Mal erlebt, denkt manchmal, es handle sich um eine neue Art oder um einen Befall, der sofort bekämpft werden muss. Beides trifft nicht zu.
Was man beobachtet, ist der Schwärmflug – und der ist vollkommen normal.
Was beim Schwärmflug passiert
Einmal im Jahr, meist im Hochsommer, verlassen junge Königinnen und Männchen das Nest zur Paarung. Sie sind die einzigen Ameisen mit Flügeln. Arbeiterinnen, die man das ganze Jahr über auf dem Boden sieht, sind grundsätzlich flügellos. Die geflügelten Tiere sind genetisch darauf ausgelegt, sich fortzupflanzen und neue Kolonien zu gründen – nicht mehr und nicht weniger.
Der Schwärmflug findet oft gleichzeitig an vielen Nestern einer Art statt. Das erhöht die Chancen, dass Königinnen und Männchen verschiedener Kolonien aufeinandertreffen und sich paaren – und vermeidet Inzucht. Die Synchronisation erfolgt über Umweltsignale: Wärme, Feuchtigkeit, Luftdruck. Deshalb fliegen an manchen Tagen scheinbar überall gleichzeitig Ameisen.
Wann es typischerweise passiert
In Deutschland ist der Schwärmflug der häufigsten Gartenameise, der Schwarzen Wegameise (Lasius niger), meist zwischen Juli und August zu beobachten. Bevorzugt an schwülen Tagen, oft nach einem Regen, wenn die Luft warm und feucht ist. Die Hauptaktivität dauert nur wenige Stunden – manchmal sogar weniger.
Danach sind die Männchen tot, die Königinnen haben ihre Flügel abgeworfen und suchen nach einem geeigneten Neststandort. Was man am nächsten Tag sieht, sind oft nur noch abgeworfene Flügel auf dem Boden – kleine, transparente Schuppen, die sich in Ritzen und auf Beeteinfassungen sammeln.
Ist das gefährlich – für den Garten oder für Menschen?
Nein. Geflügelte Ameisen beißen nicht aggressiver als ihre fluglosen Verwandten, und sie richten im Garten keinen Schaden an. Sie sind während des Schwärmflugs vollständig auf Fortpflanzung ausgerichtet, nicht auf Nahrungssuche oder Nestbau.
Für Menschen mit Insektenphobie kann der Anblick unangenehm sein – das ist verständlich. Aber ein Handlungsbedarf besteht nicht. Wer draußen sitzt und von fliegenden Ameisen umgeben ist, kann einfach warten: Nach ein paar Stunden ist der Spuk vorbei.
Was der Schwärmflug über das Nest verrät
Das ist der Teil, der für Gärtner tatsächlich relevant sein kann: Ein Schwärmflug im eigenen Garten bedeutet, dass sich in der Nähe mindestens ein reifes, gut etabliertes Nest befindet. Junge Kolonien schwärmen nicht – dazu braucht es eine Kolonie, die groß genug ist, um Geschlechtstiere zu produzieren. Das dauert in der Regel mehrere Jahre.
Wer also Schwärmflug direkt über seiner Terrasse oder aus einer Pflasterfuge beobachtet, weiß damit: Das Nest ist nicht neu, es ist gewachsen, und es ist aktiv. Das ist eine nützliche Information – kein Alarm, aber ein Hinweis, dass eine Kolonie an diesem Ort offenbar gute Bedingungen gefunden hat.
Muss man jetzt etwas tun?
Nicht zwingend. Der Schwärmflug selbst ist kein Schaden und kein Anlass für eine Sofortmaßnahme. Wenn das zugehörige Nest an einem problematischen Ort sitzt – unter der Terrasse, in einer Pflasterfuge, nahe der Hausmauer – dann lohnt es sich, das nach dem Schwärmflug genauer anzusehen und zu entscheiden, ob man handeln will. Der Schwärmflug selbst ist lediglich ein kurzes, natürliches Ereignis, das jedes Jahr wiederkehrt.
Eine Kolonie, die regelmäßig schwärmt, ist fest etabliert. Wer sie dauerhaft loswerden möchte, braucht dafür mehr als ein paar Stunden Geduld – aber eben auch keine Panik. Der richtige Umgang mit einem Ameisennest im Garten hängt letztlich davon ab, wo es sich befindet und was es dort anrichtet.
